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Wirtschaftsingenieurwesen: Research Excellence Award 2020 für Studierende

Studierende des internationalen Wirtschaftsingenieurwesens für interkulturelle Managementforschung geehrt

Für ihren wissenschaftlichen Beitrag zum kürzlich erschienenen Fallstudienbuch „Cases in Critical Cross-Cultural Management“ (CCM) sind drei ehemalige Studierende der Fakultät für Technik mit dem Research Excellence Award (REA) 2020 des Instituts für Angewandte Forschung (IAF) der Hochschule Pforzheim ausgezeichnet worden. Ende Januar erhielt das junge AutorInnenteam, allesamt AbsolventInnen des Bachelorstudiengangs „Wirtschaftsingenieurwesen / International Management“, den Preis für herausragende Leistungen: Auf Basis eigener empirischer Forschung legen die  Studierenden Simon Cedrick Nunka Dikuba, Esra Cetinkaya und Dilara Canli (geb. Özer) die Grundlagen für zwei der insgesamt 16 Kapitel zur CCM-Publikation der Pforzheimer Professorin Dr. Jasmin Mahadevan.

 

Dikuba (Foto: Privat)
Canli (Foto: Privat)
Ilie (Foto: Privat)

Jährlich wird der Research Excellence Award in den Kategorien „ProfessorInnen“, „Studierende“ und „MitarbeiterInnen“ vergeben. Das Institut für Angewandte Forschung der Hochschule Pforzheim ehrt damit herausragendes wissenschaftliches Engagement von Hochschulangehörigen in Lehre und Forschung. „Die beiden Kapitel sind eine beachtliche wissenschaftliche Leistung, die von der internationalen Community entsprechend gewürdigt wurde: Vorgestellt wurden sie im Dezember 2020 auf der Jahreskonferenz der European Academy of Management, das ist die größte Managementforschungs-Konferenz Europas“, so Jasmin Mahadevan, Expertin für Internationales und Interkulturelles Management an der Fakultät für Technik, in ihrer Laudatio. Sie betreute die Studierenden in ihrer Forschung und fungiert auch als Mitautorin der Kapitel.

Als Teil des gesamten Fallstudienbuches wenden die PreisträgerInnen eine bestimmte Analysemethode an, nämlich Intersektionalität. Dies bedeutet einen Fokus auf Kreuzungspunkte und Schnittmengen, also das Nachspüren der Frage: Wie sind Menschen nicht nur unterschiedlich, sondern was haben sie auch gemeinsam, und was sind die Vorteile für alle daraus? „Jede einzelne kulturelle Identität deckt niemals die Bandbreite aller Möglichkeiten ab, mehr Blickwinkel sehen also mehr und kommen zu innovativeren Schlussfolgerungen, und das ist die Chance von Vielfalt in Unternehmen“, so Professorin Mahadevan.

Als Forschungs- und Praxismethode erfordert Intersektionalität zunächst einmal De-Konstruktion – also Unhinterfragtes und vermeintlich Normales" in seine Bestandteile zu zerlegen – um so zu neuen Re-Konstruktionen zu kommen – also eine bisher nicht vorstellbare Möglichkeit zu einer denkbaren Option zu machen.

Esra Cetinkaya und Dilara Canli konzentrieren sich im Kapitel „Lived ethnictiy: Two ‘Turkish‘ Women in Germany“ auf ethnische Bilder, also dominante Ideen darüber, was es beipielsweise bedeutet, ein Kopftuch zu tragen. Durch die Befragung deutscher Frauen türkischer Abstammung decken sie neue, innere „Logiken" auf und kommen dabei zu überraschenden Ergebnissen. So kann es beispielsweise sein, dass das Tragen des Kopftuchs ein Akt der Emanzipation und des Ausdrucks einer freien individuellen Entscheidung einer modernen hochqualifizierten Frau ist. Da dies jedoch von der Umwelt nicht gesehen wird, hat sie dadurch Nachteile in der beruflichen Karriere, die sie anstrebt und mit viel Motivation über Jahre hinweg verfolgt. Andererseits kann Emanzipation auch bedeuten, kein Kopftuch zu tragen, und in ein und derselben Familie treffen Frauen unterschiedliche Entscheidungen.

Im Kapitel „Race and Privilege in Cross-Cultural Management“ zeichnet Simon Cedrick Nunka Dikuba den Lebensweg einer Deutschen kamerunischer Abstammung nach. Auf Grund ihrer Hautfarbe macht sie seit ihrer Kindheit vielfältige Diskriminierungserfahrungen. Das Kapitel zeigt auf, dass es teilweise unmöglich ist, sich Rassismus zu entziehen, und dass dieser aber in verschiedenen Ländern unterschiedlich wirkt. Was zudem gelingen kann, ist, sich durch das Erwerben alternativer Ressourcen, wie zum Beispiel Bildung, dazu zu befähigen, den  Kategorisierungen durch andere Widerstand zu leisten und sich zunehmend selbst zu definieren.

In ihrer Laudatio auf die PreisträgerInnen betonte Professorin Mahadevan den Mehrwert dieser Analysen: „Alle drei PreisträgerInnen zeigen auf, dass Unternehmen und Gesellschaften blinde Flecken haben, nicht aus böser Absicht, sondern, weil Kultur als ‚wie wir die Dinge normalerweise so machen‘ und als ‚wie wir die Welt normalerweise sehen‘, notwendigerweise eine Auswahl darstellt.“

Die Methode der Intersektionalität, so die Laudatorin, erlaube es, die gemeinsamen menschlichen Ziele jenseits dieser „blinden Flecken" in den Fokus zu rücken: „Schlussendlich ist das Streben nach einer beruflichen Karriere, nach Emanzipation und Anerkennung, Frauen und Männern über ethnische und Geschlechter-Unterschiede hinweg gemeinsam, ebenso wie der Wille, Rassismus zu überwinden.“ Jedoch könne die Umsetzung dieser Ideale nur gelingen, wenn alle an ihnen mitwirkten, und sich genau den Erfahrungswelten und inneren „Logiken" annäherten, die ihnen besonders „fremd" erscheinen, so Professorin Mahadevan. Wichtig sei dabei auch der Blick auf den Einzelfall, „damit wir niemandem per Vorab-Urteil von möglichen Gemeinsamkeiten ausschließen“.

Mit der Würdigung der Studierenden wurden bereits zum zweiten Mal in Folge Preise für interkulturelle Managementforschung im internationalen Wirtschaftsingenieurwesen vergeben. Als Mitautorin von Kapitel 13 des CCM-Fallstudienbuchs, „Gender Initiatives between Support and Denial. A Cross-Cultural Study of two Automotive Companies in Germany and France”, hatte Iuliana Ancuţa Ilie bereits 2019 den REA in der Kategorie „MitarbeiterInnen” erhalten. Iuliana Ancuţa Ilie ist seit 2015 als akademische Mitarbeiterin im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen bei Professorin Mahadevan tätig. Ihre Forschungsgebiete umfassen interkulturelles Management, Human Resource Management, insbesondere Diversity Management und Talent Management, sowie Mobilität und Migration. Ihr preisgekröntes Kapitel, in Zusammenarbeit mit Mounia Utzeri und Beáta Nagy von der Corvinus Universität Budapest entstanden, rückt Gender Diversity Management, also Maßnahmen mit dem Ziel der Gleichstellung der Geschlechter, in der deutsch-französischen Automobilindustrie in den Fokus. Die intersektionale Analyse der Autorinnen zeigt auf, dass erfolgreiche Frauen in der Technik aus anderen Nationen eine vernachlässigte Ressource des Unternehmens sind, da diese ja bereits Strategien zur erfolgreichen Tätigkeit in der Technik entwickelt und umgesetzt haben.

Das Fallstudienbuch „Cases in Critical Cross-Cultural Management“ richtet sich an Studierende, ManagerInnen und Unternehmen. Jedes seiner 16 Fallbeispiele richtet den Blick auf ausgewählte Kreuzungspunkte und Schnittmengen von Kulturen und Identitäten und ermöglicht so präzisere Analysen kulturell komplexer Sachverhalte sowie die Identifikation von integrierenden Best-Practice-Strategien.

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