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Medizintechnik: Student überprüft automatische Blutdruckmessung im Rettungswagen

Genaue Werte: Marcel Kern entwickelt Handlungsempfehlung für Rettungsdienstpersonal

 

Das Personal im Rettungsdienst steht naturgemäß unter (Zeit-)Druck. Um eine möglichst reibungslose Anschlussversorgung im Krankenhaus gewährleisten zu können, muss auch während der Fahrt unter anderem alle drei bis fünf Minuten der Blutdruck, als einer der wichtigsten Vitalparameter des Patienten, gemessen werden – die Automatisierung dieses Verfahrens bedeutet Entlastung für das Rettungspersonal. Aber liefert ein Gerät unter den Bedingungen des Patiententransports tatsächlich genauso zuverlässige Werte wie die manuelle Messung? Mit dieser Fragestellung befasste sich Marcel Kern in seiner Abschlussarbeit „Überprüfung der Messgenauigkeit der oszillometrischen Blutdruckmessung beim Patiententransport in die Klinik“ im Bachelorstudiengang „Medizintechnik“ der Fakultät für Technik der Hochschule Pforzheim. In verschiedenen Versuchsreihen stellte der 25-Jährige manuelle und automatische Blutdruckmessung gegenüber und entwickelte eine Handlungsempfehlung, die die Rettungskräfte für den Umgang mit automatischen Blutdruckmessgeräten sensibilisieren soll. „Fahrzeugerschütterungen durch Unebenheiten auf der Fahrbahn oder sogar Schallwellen, welche durch die Sirene oder Fahrzeuggeräusche verursacht werden, können die Messergebnisse beeinflussen und ggf. zu falschen Rückschlüssen auf den Gesundheitszustand des Patienten führen“, gibt Marcel Kern, selbst Rettungssanitäter, einen Einblick in die Problematik. Dementsprechend seien die Vorbehalte seiner früheren Kollegen oft groß: Sind meine Messergebnisse vielleicht nur ein grober Richtwert? Leite ich daraus überhaupt die richtigen Folgeschritte ab? „Ziel meiner Arbeit ist es, diese Unsicherheit zu nehmen“, so der Medizintechnik-Absolvent.
 

Das Versuchs-Team am Stoßdämpfer-Prüfstand der DEKRA Automobile GmbH in Straubenhardt. Von links nach rechts: Hannah Fell, Birgit Haberstroh, Marcel Kern und Ulrich Landsberger. (Alle Fotos entstanden vor den aktuell geltenden Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen im November 2019. Fotos: Privat)

Mit insgesamt zehn Probanden stellte Marcel Kern automatische, bzw. oszillometrische, und manuelle Messung des Blutdrucks gegenüber: Zunächst erfolgten die Messungen jeweils am still in einem Raum sitzenden Patienten. Im zweiten Schritt bewegten die Probanden während der Messung den Arm. Abschließend wurden die Messungen noch liegend im Rettungswagen auf einem Stoßdämpfer-Prüfstand untersucht und verglichen. Eine innerhalb des Arbeiter-Samariter-Bundes Karlsruhe durchgeführte Studie ergänzte die praktische Analyse des Pforzheimer Medizintechnik-Absolventen: Um den Einfluss realer Einsatzgegebenheiten auf die Messgenauigkeit zu überprüfen, wurden über einen Zeitraum von acht Wochen in sechs Rettungswagen Studienprotokolle ausgelegt, die während des Patiententransports vom Einsatzpersonal ausgefüllt wurden. Die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse erfolgte in Zusammenarbeit der Professoren Tobias Preckel und Alexander Hetznecker.

Auf Basis der Versuchs- und Befragungsergebnisse erarbeitete Marcel Kern schließlich in Zusammenarbeit mit dem Vertriebspartner eines Herstellers für Patientenmonitore eine Handlungsempfehlung: „Diese erläutert nicht nur das ideale Vorgehen und die korrekte Anwendung automatischer Blutdruckmessgeräte, sie zeigt auch auf, wie die Kontrolle der automatischen Messergebnisse erfolgen kann. Dies kann den Ablauf der Patientenversorgung zukünftig erleichtern“, so Prof. Dr. rer. nat. Tobias Preckel, der im Bachelorstudiengang „Medizintechnik“ lehrt. Aufgrund der Relevanz von Marcel Kerns Untersuchungen für den Rettungsdienst wurden Teile der Arbeit als Fachartikel in der Fachzeitschrift für Rettungsdienst und Notfallmedizin „Emergency" im Elsevier-Verlag veröffentlicht (Kern, M., Hetznecker, A., Preckel, T. (2021) Automatische Blutdruckmessung im Rettungsdienst, Elsevier Emergency, 01/2021, 50-56).

Marcel Kern absolvierte 2015 seine Ausbildung als Rettungssanitäter beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Pforzheim. 2016 begann er sein Medizintechnik-Studium an der Hochschule Pforzheim. 2019 verbrachte der 25-Jährige einen Auslandsaufenthalt in Griechenland: In einem Flüchtlingscamp bot er ASB-Mitarbeitern aus Griechenland sowie Vertretern von Nichtregierungsorganisationen Erste-Hilfe-Kurse an. Aktuell absolviert Marcel Kern den Masterstudiengang „Produktentwicklung“ an der Fakultät für Technik der Hochschule Pforzheim. Sein Berufsziel sei die Entwicklung medizintechnischer Produkte.

Durch den demografischen Wandel, das verstärkte Gesundheitsbewusstsein und den medizinisch-technischen Fortschritt ist die Medizintechnik-Branche seit Jahren im Aufwind. In der Übersicht der Bundesländer nimmt Baden-Württemberg die Position als führender Medizintechnik-Standort Deutschlands ein. Auf diesen Aufwärtstrend hat die Hochschule Pforzheim mit der Einrichtung des Bachelorstudiengangs „Medizintechnik“ reagiert. Dieser wurde in enger Abstimmung mit Medizintechnik-Unternehmen der Region konzipiert und ging im Wintersemester 2012/2013 an den Start. 2019 erfolgte die Eröffnung des Analytiklabors auf dem Pforzheimer Campus: Auf 123 Quadratmetern macht das neue Raumangebot biochemische Analytik und molekulare Diagnostik erleb- und begreifbar. Verwendete Geräte und Chemikalien spiegeln Teile der Grundausstattung sowie die Vorgehensweise in einem bioanalytischen Forschungslabor wider. Der Bachelorstudiengang „Medizintechnik“, so Laborleiter Tobias Preckel, fokussiere die Wachstumsbereiche Gerätetechnik, Informatik und Molekulare Diagnostik. „Dass wir neben den ingenieurwissenschaftlichen Inhalten den molekularen Aspekt der Medizintechnik in den Fokus rücken, unterscheidet unseren Studiengang von vielen anderen medizintechnischen Studiengängen. Dieses Pforzheimer Alleinstellungsmerkmal bereitet unsere Studierenden in enger Abstimmung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie den Anforderungen des Marktes optimal auf ihre berufliche Zukunft vor“, so Tobias Preckel.